Nein, das ist kein Text gegen Fortschritt, Technologie oder die IT-Branche, im Gegenteil. Doch dazu am Ende mehr. Der Gegenstand der Kritik betrifft den Digitalisierungshype unserer Gesellschaft und die Forderung von Wirtschaft und Politik unhinterfragt IT "Fachkräfte" zu produzieren, die bereits in wenigen Jahren bestenfalls Billiglöhner oder schlimmstenfalls arbeitslos sind. Denn die Kernthese die ich hier vertrete, und ich bitte zur Diskussion darüber, lautet:

Je mehr die Digitalisierung voranschreitet, desto weniger Menschen müssen sich mit ihr beschäftigen

ARGUMENT 1: IT-Experten sind konstruktive Faulsäcke

Denken wir an die Zukunft, welche in der Realität übrigens ganz anders aussieht als man denkt (siehe FILM Harrison Ford), dann gibt es bald keine Taxifahrer (selbstfahrende Autos), keine Buchhalter (SAP-Codes haben die Weltherrschaft an sich gerissen) und keine McDonalds-Angestellten (Industrie 4.0) mehr. Alles was geht wird digitalisiert, automatisiert und skaliert. Die monotone Drecksarbeit kennen wir bald nur noch aus Geschichtsbüchern, der Homos Digitalos, die Sheldon Coopers haben die Weltherrschaft übernommen, jeder ist ein hochqualifizierter IT Experte oder Wissensarbeiter mit umfassendem IT Fachwissen.

Es ist schon sehr ironisch, dass bei fast allen Studien zur digitalen Jobvernichtung nur die IT gut wegkommt. Dabei ist es genau diese Branche, die alles daran setzt sich selbst so effizient und einfach wie möglich zu rationalisieren und im Gegensatz zu anderen Branchen hat die IT darin unbeschreiblichen Erfolg.

Nahezu alle Bereiche der IT werden laufend vereinfacht, optimiert, automatisiert und skaliert, dafür ist die IT auch gedacht, das ist ihre Bestimmung seit mehreren Jahrzehnten. Jeder, der die letzten 15 Jahre einen Computer verwendet hat sieht den Fortschritt: Stundenlange Installationen von Scanner-treibern wurden durch Plug-and-Play ersetzt, statt Spaghetticode haben wir heute eine modulare Entwicklung, Programmiersprachen werden einfacher und effizienter, ein User-Interface-Design muss heute so einfach und pragmatisch sein, das selbst meine Großeltern sich auskennen sollten. Server werden durch Cloud-Services ersetzt, Programme werden nicht mehr mit 12 Disketten im DOS installiert, sondern per Click im App-Store und Zahlung mit Fingerprint.

Wie kommt man zur irrwitzigen Annahme, dass die IT-Anwendung in Zukunft komplizierter werden wird, wenn es doch über die letzten sieben Jahrzehnte immer leichter geworden ist? Die gesamte IT verschiebt sich immer mehr von IT-Experten-Nerd zum IT-Anwender, es gibt keinen Indikator dafür, dass sich dieser Trend in Zukunft verlangsamen wird. Im Gegenteil, denn sollte wirklich bald eine richtige künstliche Intelligenz geschaffen werden ist das mindeste was diese kann, Anforderungen in Code umzuwandeln - also programmieren.

Dass mein heute 9 Monate alter Sohn eine Programmiersprache in seinem zukünftigen Arbeitsleben braucht ist lächerlich. Die einzige Erklärung dafür, dass wir in 20 Jahren keine Homepage mit einem einzigen Sprachbefehl an unsere Smartwatch erstellen lassen können ist ein Dritter UND Vierter Weltkrieg. Und selbst im Krieg aller gegen alle ist auf eines immer NOCH Verlass: Die konstruktive Faulheit der IT-Experten, deren Wesen es ist ihre eigene Arbeit laufend zu optimieren.

ARGUMENT 2: Frag doch den Inder - Outsourcing

Natürlich könnte man bei Argument 1 einwerfen, dass die Situation derzeit anders aussieht und ein akuter IT-Fachkräftemangel herrscht, dem man kurzfristig auch Herr werden sollte. Das würde auch stimmen wenn der IT-Fachkräftemangel nicht maßlos übertrieben wäre und es die globale Vernetzung der Welt nicht geben würde.

Zum erfundenen IT-Fachkräftemangel mach ich es kurz: Ein guter, in Europa lebender Programmierer ist für ca. 80 Euro die Stunde zu haben, ein Elektriker kostet zwischen 111 und 144 Euro, ein Arzt ca. 110 Euro (für eine 10 minütige Diagnose). Wenn die Nachfrage den Preis bestimmt und in diesem Fall tut sie das, gibt es hier kein akutes Problem, wie so oft ist es der verzweifelte Versuch von Lobbyisten Fachkräfte möglichst billig zu bekommen indem man den Staat ein Überangebot an Arbeitskräften produzieren lässt. Wie die Zukunft dieser Menschen aussieht ist kein Problem der kurzfristig denkenden Wirtschaft und schon gar kein Problem von Experten, die sich nach dem Wind drehen. Denn seine Meinung drehen geht schneller als einen jahrzehntelangen Bildungsweg neu zu beschreiten.

Zum anderen sehen Digitalisierungsexperten nicht was vor allem in Schwellenländern wie Indien, Pakistan, China und Vietnam gerade vor sich geht. Dort werden IT-Fachkräfte am laufenden Band produziert. Auf internationalen Freelancer-Plattformen sind sehr gute Programmierer für 30 Dollar die Stunde zu haben, das wird sich in Zukunft nicht ändern.

Natürlich könnte man jetzt sagen: «das ist das Problem, die Asiaten überholen uns alle und der Westen fällt zurück, make Westen Great Again!!1!!1!». Und es stimmt. Würden wir unsere Gesellschaft so ausrichten wie es uns die Wirtschaft und die Digitalisierungsexperten einreden wollen, würden wir tatsächlich abstürzen, denn die Vorschläge wie zum Beispiel Programmieren in Schulen führen nur zu einem mehr an das was eine IT-Fachkraft ist: ein Handwerker und kein kreativer Innovator. Denn das ist es was IT zu 95% ist: ein Handwerk. Dabei ist das keineswegs abwertend gemeint wie es der deutschsprachige Kulturkreis (ausgenommen der Schweiz) so sieht. Die IT-Fachkraft als Handwerker und nicht als Dauerinnovator zu sehen, spiegelt die Realität mehr wieder als das gegenwärtige gepflegte Hipster-Nerd-Image. So hat das Warten und Aufsetzen einer Serverlandschaft, oder das Nachprogrammieren von Spezifikationen wenig mit Innovation und Kreativität zu tun. Aber genau diese Tätigkeiten sollten schon in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören bzw. von Nicht-IT-Fachkräften durch vereinfachte Eingabemöglichkeiten oder KIs umgesetzt werden können oder von Entwicklerfarmen aus Schwellenländern durchgeführt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die IT ein brotloser Beruf sein wird, im Gegenteil. Aber dazu später mehr.

ARGUMENT 3: Schon mal Werkzeugologie studiert?

Gut, die Erste Group Bank sucht derzeit 5 000 Programmierer und findet nur 500, der Accenture Chef meint, in der Schule müsse man schon Programmieren lernen (mit der Meinung ist er nicht alleine) und überhaupt werden uns die Digital Natives allen den Rang ablaufen. Die mediale Situation ist, wie könnte es nicht anders sein, **dramatisch!!!11!!1! **

Also sollten wir jetzt am besten alle IT studieren, denn mit dem künstlichen Überangebot schafft man sich billige Arbeitskräfte. Damit löst man jedoch kaum die Herausforderungen (dt.: Probleme) der Zukunft. Denn zu lernen und zu studieren WIE man etwas besser macht müssen wir zuerst erkennen WAS man besser machen sollte. Die derzeitigen Forderungen lösen jedoch nur das WIE aber nicht das WAS, das ist mehr als kurzsichtig, denn man hinkt den Innovationen nur hinterher anstatt sie selbst zu innitieren. Wenn wir ein Gemälde wollen, dann werden wir wohl einen Maler, der Kunst studiert hat, einem Maler der Pinsellogie studiert hat vorziehen. Auch wenn die Technologie eine enorme Rolle spielt, das was Facebook, Google, Uber etc. wirklich groß macht, ist die Geschäftsidee und nicht so sehr die technische Umsetzung, die erst nachträglich eine hohe Professionalität benötigt. Beschränken wir unsere Gesellschaft nur auf die Umsetzung und nicht, wie es im Westen immer üblich war, auf die Innovation und das Design, werden wir definitiv in den nächsten Jahren von den Schwellenländern überholt, denn wie in der Bekleidungsindustrie können wir hier mit unserem kreativeren und freieren Bildungskonzept nicht mithalten. Wollen wir also unseren Lehrplan denen von Schwellenländern anpassen, so wie von Experten gefordert, dann vernachlässigen wir unsere kulturellen Stärken. Das ist nicht nur dumm, das ist gefährlich.

Denn schlussendlich geht es um das, worum es geht und nicht um die Umsetzung. Auch wenn der Trend, wie es bereits in der Industrialisierung war, immer auf die Methode schielt. So können wir zB an dem Filmemacher Michael Bay sehen wie wichtig Technologie für gute Filme sind: nämlich überhaupt nicht. So produziert er mit der besten Technologie am Markt einen (untertrieben formuliert) Flop nach dem anderen und registriert nicht, dass es auch um Handlung, Dialoge und Kreativität gehen könnte und nicht nur um 3D Special Effects. Ein schlechtes Fußballspiel bleibt ein schlechtes Fußballspiel, auch wenn man auf dem HD Fernseher sogar die Grashalme sehen kann. Der Flop des 3D Fernsehers ist ein Zeichen dafür, dass der Technikfanatismus in Summe den Inhalten unterlegen ist.

Was wir wirklich brauchen

Das Nachhaschen von kurzfristigen Business Trends ist also nicht zu empfehlen. Ich erinnere mich an den Anfang meiner Schulzeit, da wollte die Wirtschaft nur Generalisten, am Ende meiner Schulzeit waren plötzlich nur noch Spezialisten gefragt. Das ist fatal, vor allem für diejenigen, die auf den Trend aufgesprungen sind und "General Management" studiert haben.

Was wir wirklich brauchen, sind IT-Fachkräfte und Fachkräfte, die sich in dem auskennen was sie tun. Denn Humanressourcen (dt. Menschen), die wir in Zukunft brauchen sind keine halbgebildeten Studienabgänger, die mal eine Hello World HTML Seite programmiert haben, sondern die, die ein umfassendes Wissen über ihr Fach haben. Solche IT-Fachkräfte brauchen kein Halbwissen, sondern entwickeln und designen künstliche Intelligenzen, Analysieren mithilfe von mathematischen und statistischen Verfahren Big Data Mengen und müssen komplexe, über die gesamte Welt verstreute IT-Landschaften aufeinander abstimmen. Das geht nicht mit einer halbherzig gelernten Programmiersprache, das geht nur mit Menschen, die sich dazu berufen fühlen in der IT zu arbeiten.

Auf der anderen Seite braucht es Fachkräfte, die sich in ihrem Fach auskennen, die komplexe Sachverhalte verstehen und sich ausdrücken können um es gegebenenfalls von IT-Experten optimieren zu lassen. Die Forderung, schon die kleinsten der Gesellschaft auf eine sich selbst rationalisierende Branche zu schulen, ist mehr als absurd. Vielmehr zeigt die erschreckende Tatsache, dass 80% der Digital Natives eine online Werbung nicht von Journalismus unterscheiden können, die wirklich benötigte Kernkompetenz einer digitalen Welt: Kritisches und analytisches Denken. Das durch eine Programmiersprache in Schulen zu ersetzen, sofern es noch gelehrt wird, die es nach wenigen Jahren oft nicht mehr gibt, ist richtig dumm.

Nebenbei ist es ein interessantes Phänomen, dass die wirtschaftliche und politische Elite der westlichen Welt geisteswissenschaftlich ausgerichtete Eliteschulen besuchen und oft keine berufsspezifische oder IT Ausbildung besitzen, bis sie sich für ein Hochschulstudium entscheiden. Ich kenne keinen Absolventen einer Eliteschule, der sein Kind in eine berufsbildende höhere Schule stecken würde. Warum das so ist fragt sich niemand. Im Gegenteil: SchülerInnen fragen sich immer öfter wozu korrekte Rechtschreibung, Algebra, Latein oder die Analyse eines Gedichtes eigentlich gut sein soll. Viel schlimmer ist, dass ihnen das nicht einmal mehr die Lehrer sagen können. Dabei erkennt man schon in den kleinsten Softwareprojekten: Menschen, die sich nicht ausdrücken können oder komplexe Sachverhalte nicht verstehen, da sie es nie lernen mussten, verursachen Change-Requests und Fehler, die weder ein Entwickler noch eine K.I. verhindern kann. Dabei liegt es auf der Hand, dass es wesentlich wahrscheinlicher ist, dass jemand, der die Grammatik einer Sprache nicht beherrscht, wohl kaum die exakte Grammatik einer Programmiersprache beherrschen wird.

Klar könnte man einwenden, dass man durch eine Programmiersprache lernt wie Maschinen denken. Dabei bräuchte man sich jedoch dann auch nur mit Logik beschäftigen, welches, da zu komplex, ja auch nicht mehr richtig gelehrt wird. Warum? Weil man Ende der 70er Jahre, nach einem weltweiten Logik-Hype erkannt hat, dass Logik, also die Grundlage aller Programmiersprachen, die Probleme der Welt nicht lösen wird. Dabei ist es wesentlich sinnvoller Logik, da universell einsetzbar, zu lernen als eine Programmiersprache, da diese nicht nur für IT-Probleme nützlich ist, sondern auch in der Wissenschaft und Argumentation eine wichtige Rolle spielt. Trotzdem fordert keiner ein Fach Logik, weil - und jetzt kommt es - es keinen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen hat.

Conclusio

Schaffen wir eine Gesellschaft und ein Schulsystem, die Menschen mit einer allgemeinen Grundbildung alle Möglichkeiten offen lassen, seine individuellen Begabungen und Interessen zu finden und zu fördern, kommen wir langfristig weiter. Denn auch wenn 99% der Kleidungsstücke in Dritte Welt Ländern produziert werden, die Designer sitzen in der westlichen Welt. Mit der IT wird es in Zukunft nicht anders sein.