Verbrennen, überfahren, enthaupten, zersägen oder abknallen, am besten per Kopfschuss, so oder kreativer endet meistens ein Zombie(un)leben in Film und Computerspiel. Empathie für den Untoten kommt selten vor, trachtet dieser doch meist nach dem Gehirn der Hauptdarsteller oder des Ego-Shooter Spielers. Dabei hat sich das Zombiebild in den letzten 30 Jahren grundlegend verändert und lässt ein moralisch unreflektiertes Abschlachten der wandelnden Toten gar nicht mehr zu.

Während uns in den Horror-„Shockern“ des letzten Jahrtausends noch der träge und langsame Untote begegnet, der dank mystischen Kräften auf der Erde wandelte, haben wir es heute mit einer ganz anderen Art von wandelnden Toten zu tun. Denn die modernen Zombies sind nicht nur schneller und haben eine bessere Maske, sie sind auch fast alle durch ein Virus infiziert. Dabei verliert der Zombie seine wichtigste Eigenschaft, nämlich das tot sein. So ist die moderne bzw. verwissenschaftlichte Form der Zombieapokalypse nichts mehr als eine ziemlich erfolgreiche Pandemie, in der keiner mehr in Würde stirbt, vor allem der Infizierte, also der Zombie, nicht.

Gegen solche moralisierenden Vorstellungen gibt es natürlich Abhilfe. So macht man einfach aus einem menschenfressenden Zombie einen menschenfressenden Nazi-Zombie und schon hat man das Problem scheinbar gelöst. Denn sollte ein Heilmittel existieren, so bleibt doch der Nazi übrig, dem man erst Recht den Prozess machen müsste. Wer nimmt sich in einer Nazi-Zombie-Apokalypse dafür wohl die Zeit?

Klar, den Nazi-Zombie gibt es nicht wegen dieser Elfenbeinturm-Gedankenspielerei. In der derzeitigen Kulturlandschaft dient der Nazi-Zombie (Call of Duty WW2 - Zombiemodus), das Nazi-Monster (Captain America, Red Scull) oder, etwas entfernter, der Cracksüchtige-Preuße (Wonder Woman) eher als Zuspitzung zum radikalen Bösen. Es hat eine lange kulturelle Tradition den Nazideutschen oder Nazikollaborateur mit allen nur erdenklichen außerordentlichen Attributen auszustatten: hoch intelligenter Soziopath (Inglourious Bastards - Hans Landa), unendlich dumm (Ein Käfig voller Helden), ein T-Rex-reitender Dinosaurierhybrid (Trailer Iron Sky 2), um nur einige zu nennen. Das führt jedoch zu einem ungewollten Kollateralschaden, nämlich zur Entbanalisierung des Nationalsozialismuses.

Das menschliche Bedürfnis hinter jedem Genozid, Krieg und von Menschen verursachte Katastrophen einen Katze-streichelnden Super-Bösewicht auszumachen schießt meist an der banalen Realität vorbei. Besser gesagt an der Tatsache, dass eine größere Masse an Menschen, die oft auch die Mehrheit darstellt, diese zerstörerischen Phänomene erst ermöglicht. Nicht nur durch aktives Handeln und Zustimmen sondern auch durch ihr Wegsehen und Schweigen. Diese Masse besteht nicht nur aus den dummen, armen und ungebildeten Schlägertypen sondern auch aus Intellektuellen, Geistlichen, Juristen, Philosophen, Reichen, Beamten und Angestellten. Selbst das liebenswürdige Urgroßmütterchen, dessen Apfelstrudel Rezept uns heilig ist, kann einen KZ Häftling auf einem der Todesmärsche zu Tode getreten haben.

Das Gefährliche an totalitären Terrorherrschaften ist nicht das entbanalisierende, menschenfressende Nazi-Monster. Es ist eine Gesellschaft, die plötzlich glaubt, dass notwendig-richtige tun zu müssen und viele dabei mitmachen: Wissenschaftler, die sich nur profilieren wollen. Wirtschaftstreibende, die nur ihre Brötchen verdienen wollen. Beamte, die nur ihren Job machen. Soldaten, die nur Befehle befolgen. Das hat nichts mit Nazi-Zombies zu tun, das ist die Banalität in ihrer reinsten Form.

Dabei kommen diese Entbanalisierungstendenzen nicht nur in Film, Buch und Computerspielen vor. Vielmehr liefert auch die Wissenschaft außerordentliche, also unbanale, Umstände, die zu solchen Katastrophen führen. So sei die extreme wirtschaftliche Not, die Reparationszahlungen, das Psychotrauma eines verlorenen Weltkrieges, mangelnde Bildung, etc. etc. an der Machtergreifung Hitlers schuld. Das könnte stimmen, nur würde man hier indirekt den neuen intellektuellen Rechten zustimmen, dass jeglicher Vergleich mit Hilterdeutschland und der jetzigen Zeit nicht möglich sei, da es diese außerordentlichen Umstände doch heute nicht gäbe. Die erstarkten rechten Intellektuellen, die sich heutzutage immer mehr in den politischen Diskurs einbringen, stoßen auf eine mit sich selbst beschäftigten linken, intellektuellen Elite, die es verlernt hat, ihre Themen (selbst-)kritisch durch zu argumentieren.

Was bleibt an gesellschaftlicher Erkenntnis über die nationalsozialistischen bzw. faschistischen Machtergreifungen, wenn wir all die Monster, Zombies, die SS-Standartenführer, Hans Landas und außerordentlichen Ereignisse weg lassen? Eigentlich recht wenig und genau das ist der Horror: die Unwissenheit und das Unverständnis über das „Böse“ nach mehr als 70 Jahren nach der Shoa. Während die Kulturgesellschaft also lieber Nazi-Zombies in Ego-Shootern abballert und zusieht, wie man dem Hauptbösewicht ein Hakenkreuz auf die Stirn ritzt, macht sich die populistische Rechte diese selbstverschuldete Unmündigkeit zu Nutze, und das ziemlich erfolgreich.

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Blog: www.der-pfeifer.com