»Politische Religionen« und das Böse

Das Böse und die Religion

Die Frage, was eine Religion sei, ist älter als die Religionswissenschaft und bis heute nicht restlos geklärt. Dennoch »glauben« viele GeisteswissenschaftlerInnen, wie zB Christina von Braun im Zeit Wissen Nr. 3/2015, der Nationalsozialismus und nahezu alle Gräueltaten des 20. Jahrhunderts waren entweder politisch-religiös oder Ausdruck religiöser Rituale.

Aber woher kommt es, dass man selbst atheistisch Systeme ein religiöser Stempel aufgedrückt wird? Warum ist ein absichtlich modifizierter Antisemitismus, der den christlichen Judenhass zum wissenschaftlich-philosophisch argumentierten Rassenwahn transformiert, plötzlich religiös?

Zeigen die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts nicht vielmehr, dass sich das »Böse« auch ohne Religionen entwickeln kann? Dass der einzige gemeinsame Nenner von blindem Hass, Rassismus und Massenmord der Mensch ist, unabhängig von Religion, Reflexionsvermögen und Bildung (siehe Martin Heidegger)?

Alle Konfessionen haben sich in der Vergangenheit vom Bösen missbrauchen lassen, das weiß heutzutage jeder und ist Mainstream. Was kaum jemand sieht, bzw. nicht wahrhaben will ist, dass die Geistes- und Naturwissenschaften und die verschiedenen Philosophien (vom Kommunismus bis zum Liberalismus), genau wie die Religionen, Argumente für die Wahnsinnstaten der Menschheit geliefert haben.

Hannah Arendt hat ihr Leben lang erfolglos versucht, das Böse zu fassen. Dennoch hat sie es besser konkretisiert als alle DenkerInnen vor ihr: Das Böse ist banal. Warum die größte Philosophin des 20. Jahrhunderts, in Hinblick auf Ihre eigenen Erfahrungen, das Böse nicht als religiös bezeichnet hat, sollte uns heute zu denken geben.