Ist Platons Staat gerecht?

Platons Staat Gerechtigkeit

WARNUNG: Dieser Blogeintrag ist ein Essay welches im Rahmen des Seminars Platon Staat (2017S) auf der UNI Wien entstanden ist und könnte, für philosophische nicht so interessierte Menschen, extrem langweilig sein. Für Schüler und Studenten die meine Idee klauen wollen ist auch folgender Blogpost interessant: Unterrichtsmaterial: Platons Staatsformen

Abstract

Dieser Essay befasst sich mit der Frage ob Platons Staat gerecht sei oder nicht. Dabei werde ich zum Einen die Utopie, insbesondere die Folgen der platonischen Ideenlehre, und zum Anderen die praktische Verwirklichung von Platons Staat und deren Kritik behandeln. Während die Betrachtung der Utopie, eine in sich geschlossene dh. theoretische Analyse des platonischen Staaten-Systems darstellt, stellt die zweite Betrachtung eine praktische Kontextualisierung einzelner politischer Ideen Platons dar. So komme ich zu dem Schluss, dass Platons Staat als Utopie weder gerecht noch ungerecht ist, jedoch Platons praktische Umsetzung meiner Ansicht nach ungerecht ist.

Hinführung

Warum sollte man sich überhaupt mit einem mehr als zweieinhalbtausendjahre alten Text beschäftigten und darüber auch noch ein zehnseitiges Essay schreiben? Hat sich die Welt nicht schon zur Genüge verändert? Müsste das politische Denken unserer Zeit nicht bereits unendlich weit von den Ideen Platons weg sein, so weit, dass diese uns praktisch gar nicht mehr berühren? Erstaunlicherweise ist das nicht der Fall, denn Platons politische Ideen prägen unser Verständnis der Organisation unserer Gesellschaft noch heute. Noch deutlicher wird es bei den Problemen, die sich im Zusammenleben auftun, diese scheinen nämlich auch mindestens 2500 Jahre alt zu sein aber noch immer ungelöst.
Können wir Aussagen wie «das Leben fordert den Schein, nicht jedoch das Sein des Gerechten» (362a) für die heutige Zeit etwa nicht übernehmen? Ist die Frage nach einer gerechten politischen Ordnung nicht genau so brennend wie eh und je? Es ist vielmehr erschreckend wie aktuell Platons Staat ist, wie er unsere Geschichte, im Guten wie im Bösen, geprägt hat. Die Frage nach der Gerechtigkeit von Platons Staat ist also von brisanter Bedeutung für die heutige Gesellschaft.

Um sich der Frage zu nähern, die wohl von vielen Menschen unterschiedlichster Wertevorstellung wohl auch unterschiedlichst beantwortet werden würde, werde ich den Elefanten in zwei Teile, in eine theoretische und eine praktische Kritik teilen.

Theoretische Kritik

Der Staat als Utopie, als theoretisches Konstrukt welches wohl auch nach Platon nie Eins zu Eins in die res extensa übertragen werden hätte können, erweckt den Eindruck eines schlüssigen Gesamtwerkes, welches auf Platons Metaphysik, vor allem seiner Ideenlehre, aufbaut.

So führt die Ideenlehre einen ethischen Realismus ein, nach dem es objektive Werte, also auch ein objektives Gute unabhängig von den subjektiven Guten gäbe. Moralische Ge- und Verbote werden also nicht von den Menschen konstruiert, sondern bestehen und verweilen unabhängig von unserer, der menschlichen, Existenz. Platon spricht also von der Notwendigkeit einer Existenz einer absoluten Wahrheit, von einem absoluten Guten oder Gerechten.
Die vorläufigen Definitionen der platonischen Ideen im Staat Platons sind beschrieben. So entnehmen wir dem Werk, dass zum Beispiel die Gerechtigkeit, als Grundlage der Staatengründung, die Durchführung von Aufgaben ist, für die der jeweilige Bürger oder Bürgerin am besten geeignet ist (vgl. 433a).

Die Kardinaltugenden (vgl. 424e), die Vorraussetzung aller Erziehung (vgl. 402c), sind ebenfalls bekannt. So sind Besonnenheit, Tapferkeit, Freimut und Hochherzigkeit sowie auch die Gerechtigkeit (vgl. 504d) auf das Gute ausgerichtet und orientieren sich daran. Denn dieses Wissen und die Anwendung um die Tugenden und die Gerechtigkeit dienen dem staatlichen sowie auch dem persönlichen Glück des Bürgers. Deshalb kann und muss jede inhaltliche Bestimmung der Gerechtigkeit und der Tugenden immer auch glückszuträglich sein. Denn beides richtet sich nach der höheren Idee des Guten (vgl. 504d).

Dabei führt Platon das sokratische Vorhaben einer Intellektualisierung der Tugenden und der Gerechtigkeit, dh. es benennen und beschreiben zu können, fort. Das Werkzeug zum Erkennen von all diesem ist die Vernunft und «der in geistiger Leistung unerfahrene wird zum Tier» (586a/b).

Für Platon ist klar: Will ich das Gute mit meiner Vernunft erkennen, so braucht es einen Staat, der der Vernunft den Vorrang gibt dieses zu erreichen. So zeichnet Platon den Weg zum Guten theoretisch in seinen Gleichnissen auf und praktisch gestaltet er den Staat nach diesen Gleichnissen um sich dem Guten zu nähern.
Zusammengefasst kann man sagen, dass Platon einen Vernunftstaat errichten will, der auf das unbekannt Gute gerichtet ist. Doch ist dieses Gute selbst bei Platon noch nicht erkannt. Platons Vernunftbegriff, das einzige Mittel das Gute zu erkennen, ist ein Axiom, der Staat ist ein praktischer Weg zu einem Ziel ohne dieses, das Gute, zu kennen. Genau aus dieser Situation ergeben sich zwei Konflikte, die sich aus der Unterordnung der Gerechtigkeit unter das Gute ergeben (vgl. 504d).

Zum Einen ist Platons Gerechtigkeit im Staat nichts mehr als eine vorläufige Gerechtigkeit. Denn, sollte es der Fall sein das Gute mit der Vernunft begreifen zu können, kann genau diese Erkenntnis das gesamte Staatskonstrukt entweder bestätigen, modifizieren oder verwerfen.

Zum Anderen kann der Weg der Vernunft, eventuell der Weg der Wissenschaft, eine Struktur schaffen, die keinen anderen Blick auf das Gute zulässt als den der Vernunft. Auch wenn ich als Student der Philosophie natürlich der Vernunft mehr zugeneigt bin als anderen Formen des Erkennens, wie z.B.: spirituelle Wahrnehmung oder ideologisches Fürwahrhalten, so kann weder Platon, noch die moderne Philosophie diese alternativen Herangehensweisen vernünftig ausschließen, vor allem nicht als Sokratiker.

Damit lautet meine Antwort auf die Frage, ob Platons Staat als Utopie nun gerecht sei oder nicht: Wir können es nicht wissen.

Praktische Kritik

Der folgende zweite Teil meiner Arbeit befasst sich mit den konkreten Ideen Platons aus einer persönlichen Sicht. Dabei ist zu bedenken, dass es sich hier um keine historisch-kritische Methodik handelt. Die Gedanken, die Platon in seinem Staat hervorgebracht hat, sind meiner Meinung nach für das politische Abendland von enormer Bedeutung. So halte ich auch die Kritik mancher Philosophen und Philosophien, wie z.B. der Kritik Poppers, die darauf abzielen die platonische Politik in die Ecke des Totalitarismuses abzustellen, für unangebracht.

Wie oben beschrieben, erschafft Platon dessen gesamte Ausrichtung auf die vernunftbedingte Erkenntnis des Guten ausgerichtet ist. Dieses vorläufige staatliche Konstrukt ist dementsprechend eine Notwendigkeit dieses Ziel zu erreichen. Dies lässt darauf schließen, dass Platon meint zuerst die Strukturen schaffen zu müssen, damit sich das Gute dem Philosophenkönig eventuell auch der Philosophenkönigin offenbart. Die Kritik an diesen praktischen philosophiepolitischen Maßnahmen befasst sich primär mit Platons Menschenbild.

Kritik am Menschenbild Platons

Beginnend mit der breiten Masse, zeigt Platon unmissverständlich auf, dass diese zum größten Teil verdorben sei (vgl. 490d) und keinen philosophischen Geist besäße (vgl. 494a). Vor allem letzteres, das fehlen des philosophischen Geistes aber auch die Auswahl der Menschen nach ihrer Begabung (415b/c), stellt klar, dass der Großteil der Bürger und Bürgerinnen in Platons Staat niemals zur vernünftigen Sicht auf das Gute gelangen können. Auf Wienerisch gesagt, lässt Platon die meisten Menschen «deppert sterben».

Dabei sieht Platon diesen unwissenden Zustand der breiten Masse nicht als schlecht an. Denn in der Tugendlehre aber auch in der griechischen Sprache, kann das Wort ARETE (das Tugendhafte) als Adjektiv für Menschen also auch für Sachen, z. B. einen Esel oder einen Hammer, verwendet werden. Und tugendhaft ist das, was seiner Bestimmung dient.

Dieses Menschenbild gepaart mit dem Tugendverständnis von Platon führt zu einer Verdinglichung des Menschen. Es scheint fast so, als wären die Menschen in einem Staat Mittel und nicht Zweck. Die Idee eines Guten über der Gerechtigkeit verhärtet diese Interpretation. Auch wenn diese Art des politischen Denkens für Platon nie in einem Totalitarismus bzw. in eine Tyrannis münden sollte, welche er ja zutiefst verabscheut als schlechteste aller politischen Formen, so ist genau das in den letzten 100 Jahren des öfteren passiert.

Jedoch ist es nicht so leicht Platon dafür zu kritisieren, diese Art von Gedanken in die Welt zu setzen, ohne dabei das platonische Gesamtwerk zu betrachten. Denn bei Platon steht immer noch der Philosophenkönig an der Spitze, der, im Gegensatz zu den Apologeten diverser Ideologien oder Religionen, nicht das vorherrschende System mit den Waffen der Vernunft verteidigt, sondern auf der unabhängigen Suche nach der Wahrheit seine Urteile fällen sollte. Dieses entscheidende utopische Konstrukt darf theoretisch nicht weggedacht werden, praktisch jedoch ist es sehr fraglich ob dieser Zustand jemals erreich werden könnte.
Desweiteren kann man selbst mit der Annahme eines moralisch nicht zu verunsicherten Philosophenkönigs oder -königin nicht erwarten, dass dieser oder diese in seinen oder ihren Entscheidungen fehlerfrei agiert ohne die Idee des Guten erkannt zu haben. Durch die Nicht-Beteiligung der Masse an politischen Entscheidungen fehlt ein entscheidendes konservatives (in der Bedeutung von erhaltend) Korrektiv, welches zwar meistens als lähmend empfunden wird, so wie heute auch, jedoch auch vor übertriebenen Risiken schützt.

So liegt mein erster praktischer Kritikpunkt an der Verdinglichung des Menschen, die unter einer nicht bekannten Idee des Guten zu großen Risiken führen kann, da es kein Korrektiv durch die Masse gibt.

Kritik an der platonischen Erziehung

Ein zweiter Kritikpunkt in der praktischen Umsetzung von Platons Staat liegt in der Erziehung. Da das Gerechte im Staate sich dadurch konstituiert, dass jeder die für ihn geeignetste Aufgabe erfüllen solle (vgl. 433a), kann dies mit den Mitteln der Erziehung durchgesetzt werden. Diese soll von klein auf, womöglich jedem Bürger bzw. jeder Bürgerin zugute kommen, um damit tüchtig (vgl. 558b) und glücklich zu werden.

Auch wenn für Platon die Erziehung kein einpflanzen, sondern ein hinführen zum Licht darstellt (vgl. 518 ff), was eher auf eine intrinsische Motivation hindeutet, so wird im Laufe der nächsten Bücher schnell klar, dass er selbst sein utopisches Konstrukt nur schwer an die Bürger bringen kann.

Die oben angeführte pessimistische Sicht auf die breite Bevölkerung des Staats lässt auch kaum eine intrinsische Motivation zu. So begehre die Masse die Gerechtigkeit nur der Folgen willen (vgl. 358a). Platon scheint mit seiner Erziehung eine hierarchische Klassengesellschaft zu bilden, in der die oberen Klassen jeweils mehr Anspruch auf die Wahrheit haben als die unteren. Wahrscheinlich würde Platon hier einwenden, dass die unteren Klassen gar nicht die Begabung haben die Gerechtigkeit bzw. das Gute als solches zu erkennen.

Konkret wird dies bei Platons Einstellung zur Lüge, wo er einem Dualismus verfällt. Zum einen will niemand im Irrtum über das Wahre verhaften bleiben (vgl. 382b), zum anderen kann die Lüge als Arznei dem Herrscher anvertraut werden (382b). Problematisch wird es natürlich wenn er den Philosophen als frei von jedem Trug beschreibt (vgl. 485c), gleichzeitig jedoch der Philosophenkönig von diesem Gebrauch machen kann.

Es ist erstaunlich, dass die platonische Utopie nicht davon spricht, so wie viele andere Ideologien, dass die Menschen nicht aus freien Stücken für das jeweilige Fürwahrhalten leben und arbeiten. Man könne sagen hier schleicht sich ein gewisser Realismus ein, der mit ganz banalen Mitteln die öffentliche Ordnung erhalten soll.

So soll durch Gewöhnung (nicht durch Erkenntnis) die Jugend an der Tugend teilhaben (vgl. 619d), durch Strafe den Ungerechten Einhalt geboten werden (vgl. 615a) und den Gerechten durch Ämter und Heirat die Gerechtigkeit schmackhaft gemacht werden (vgl. 613d). Man könnte fast meinen, dass die intrinsische Motivation, was hier die ARETE aus der Erkenntnis darstellt, für Platon bestenfalls nur wenigen vorbehalten ist.

Damit liegt mein zweiter praktischer Kritikpunkt an Platons Staat im fehlenden Rückhalt der breiten Masse, die sich hier zu Recht darüber aufregen könnte, im Dunkeln gelassen zu werden.

Kritik am fehlenden Anderen

Der dritte und letzte Kritikpunkt, den ich anführen möchte, entspringt einer philosophischen Denkrichtung, welche ich intuitiv für gerecht halte aber, um mich in philosophischer platonischer Redlichkeit zu üben, nicht als absolut gültige Wahrheit betrachte.

So schreibt Platon, dass die Gerechtigkeit eine Sache des Einzelnen wie auch des Staates sei (vgl. 368e). Dabei lässt sich hier eine gewisse Unzulänglichkeit feststellen, obwohl, dessen bin ich mir bewusst, ich diesen Gedanken Platons natürlich stark vereinfache. Denn neben der Gerechtigkeit des Einzelnen und der Gerechtigkeit des Staates, fehlt hier die Gerechtigkeit gegenüber den Anderen (vgl. Derrida), im Sinne Derridas oder des Dritten im Sinne Levinas (vgl. Levinas).

Diese Gerechtigkeit, die hier zwischen der Mikroebene (Einzelner) und Makroebene (Staat), also auf der Mesoebene, liegt, wird nicht beachtet. Aber genau diese Mesoebene kann ein Garant dafür sein, sein Umfeld oder etwas religiös betrachtet seinen Nächsten die Gerechtigkeit zukommen zu lassen, die er verdient, und die Gerechtigkeit nicht nur der persönlichen und der staatlichen unterzuordnen. Es handelt sich hier um eine Ebene, in der wir Gnade, Vergebung und Menschlichkeit leichter zulassen können.

So ist der dritte praktische Kritikpunkt, dass es nach Platon keinen «Anderen» und keinen «Dritten» geben muss um gerecht zu sein, Dh. laut Platon schulde ich der Gerechtigkeit alles und den Anderen oder den Dritten nichts. So hebt Platon die Idee der Gerechtigkeit über den Menschen, genau so ein Denken ist gut gemeint aber historisch mehr als gefährlich, da er selbst die auf das Gute gerichtete Gerechtigkeit nicht definieren kann und dies oft durch folgenschwere Annahmen ersetzt wurde.

Abschluss

Zum Abschluss ist die ironische Erkenntnis meiner Kritik an Platons Vorgehen kaum von den vorherrschenden modernen Staatstheorien zu unterscheiden. Wir sind immer noch auf der Suche nach dem Guten, unser Gerechtigkeitsverständnis ist immer noch vorläufig und einem ständigen Wandel unterzogen, doch sind wir, wie auch Platon, gezwungen irgendwo anzufangen und zu handeln.
Im Unterschied zu Platon halte ich es als eine Pflicht des Philosophen oder der Philosophin, in die Höhle herabzusteigen und jedem die Möglichkeit offen zu lassen, aus der Höhle emporzusteigen. Das ist vielleicht nicht weniger utopisch als Platons Staat aber man wird ja noch träumen dürfen.

Quellen

Derrida, Jacques: Gesetzeskraft. Der, mystische Grund der Autorität. Aus d. Französischen v. Alexander Garcia Düttmann. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1991, 46-59
Levinas, Emmanuel: «Frieden und Nähe», in: Ders.: Verletzlichkeit und Frieden. Schriften über die Politik un das Politische. Hg. u mit e. Vorw. v. Pacal Delhom und Alfred Hirsch. Zürich/Berlin: diaphanes 2007, 137-149
Platon: Der Staat. Übers. und Herausg.: Karl Vratska. Stuttgart: Reclam 2015.