Zielgerichtet betrete ich mein Stammcafé, der Kellner deutet mir fragend mit Zeigefinger und Daumen, ob es beim Kleinen Braunen bleibt. Ich nicke und noch bevor ich meinen Mac aufgeklappt habe, steht mein Kaffee am Tisch, der Prozess läuft wie am Schnürchen.

Einem hyperproduktiven Arbeitstag steht nichts mehr im Weg: Die To-do Liste ist geordnet nach Priorität, aus den Noise Cancelling Kopfhörern spielt es Lounge Musik, die Minimal Writing App und die «Nicht-Stören-Funktion» ist auf allen Devices aktiviert.

Wäre da nicht dieser hysterisch-fliegende schwarze Punkt, der sich penetrant in das Sichtfeld aufdrängt. Da sitzt diese Fliege einmal auf meiner Hand, dann auf dem Bildschirm, kein Muster ist zu erkennen. Dieses Insekt verhält sich wie ich nach meinem achten Kaffee.

Der technologisch perfektionierte Prozess stößt hier an eine scheinbar unbedeutende biologische Grenze und bringt den Flow zu Fall. Als würde uns die Natur mit dieser kleinen Fliege den Mittelfinger zeigen und über unsere technologische Pattsituation lachen.

Denn erschlagen lässt sich das Insekt schwer, weder mit Laptop, noch mit dem „Die Zeit“ Digitalabo auf dem iPad. 1:0 für die Fliege durch technologische Beschränkungen.

Den taktischen Rückzug antreten, also sich im Kaffeehaus umsetzen? Ergo: Die Krone der Schöpfung soll weichen? Na auf keinen Fall. 2:0 für die Fliege durch das menschliche Ego.

Mit bloßen Händen erschlagen, oder besser gleich erwürgen wäre eine Option, doch man weiß nie, ob nicht gerade ein Tierschützer am Nachbartisch sitzt. Und wer kann heute schon einen Shitstorm riskieren? 3:0 durch Social Media 24/7 Überwachung.

Dabei ist nicht die Fliege das Problem. Sondern unsere Illusion von Fokus und Flow, den wir außerhalb unserer Tätigkeit durch Tools, Apps und Technologie zu erzeugen versuchen. Oft verbringen wir mit dieser Wunschträumerei mehr Zeit, als wie mit der eigentlichen Arbeit selbst. Die Hauptsache verkommt zur Nebensache. Dass die Fliege oder der Kollege mit der zu lauten Tastatur, das vibrierende Handy des Chefs, der immer noch nicht gelernt hat, die Notifications seines Smartphones zu deaktivieren, etc. ...

Das wusste schon Sokrates:

«Ach wie zahlreich sind die Dinge, derer ich nicht bedarf.»

Oft hilft gegen Prokrastination, die Dinge einfach zu machen, aber das wäre ja zu einfach …