«… Mentalitätsentwicklungen in der westlichen Welt und deren Implikationen» hieß der Titel des Referenten Martin van Creveld der relativ gut besuchten Veranstaltung in der Landesverteidigungsakademie. Schwebt die Erwartungshaltung der Fachvorträge normalerweise zwischen Spannend oder Trocken so war es diesmal emotional, im negativen Sinne. Zu hören bekam man ein Wechselbad aus Verschwörungstheorien, (richtiger) Sexismus, Rassismus, Bürgerkriegs- und Imperialismusfantasien. Aber der Reihe nach.

Intro: Die «zu wertvolle Frau» und der Bürgerkrieg

Schon die einleitenden Worte von Herr ObstdG DDr. Andreas Stupka lassen aufhorchen. Da wird die Frau bereits als «zu wichtig» gewertet um im Krieg verheizt zu werden, er hält von Frauen in der Armee also wenig. Diese Meinung kann man zwar respektieren, die Argumentation der «Wichtigkeit» eher nicht. Denn diese angebliche utilitaristische Wichtigkeit der Frau (die nur die Mutterschaft implizieren kann), erinnert an den Narrativ des Mutterkreuzes: Die Frau als Gebärmaschine der Nation, Hüterin des Nestes und Pflegerin des tapferen Soldaten. Bloß nicht kämpfen, bloß nicht arbeiten.

Man lobt im Voraus den Mut, die der kommende Referent haben wird, Dinge anzusprechen, die sich keiner ansprechen traut und schließt ab mit den beliebten Bürgerkriegsphantasien von mehrheitlich «besorgten Bürgern». Neu ist, dass diese genannte «Bürgerkriegs-Warnung» in den höchsten militärischen Kreisen Akzeptanz findet. Das ist bedenklich, das dahinter nichts weiter als der eigentliche Wunsch nach einem anarchischen Zustand steht, in dem man endlich selbst und vor allem mit Gewalt Recht schafft. Dass man diesem Wunschdenken auf einschlägigen Seiten (z.B.: Sputniknews, Breitbart) und in Social Media begegnet, ist nicht neu - dass es von einem Stabsoffizier kommt schon.

Der zivilisierte ehrenhafte weiße Mann

Dass es mit der abendländischen Zivilisation bergab geht, das behaupten viele, nebenbei seit mindestens einem Jahrtausend. Creveld, der Vortragende, sieht den Beweis darin, dass der heroische weiße zivilisierte Mann keinen Krieg mehr seit 1945 gewonnen hat (was nicht stimmt), aber davor die ganze Welt «zivilisiert» erobern konnte. Eine ziemlich romantische Vorstellung des europäischen Imperialismus. Die Gründe für dieses Armutszeugnis sieht er zum einen in der Verweichlichung der Jugend (wie fast jeder über 40) und zum Anderen bei den Frauen im Militär.

«Sie können meine Enkel fressen»

Als Beispiel gibt er an, dass die Kinder von äthiopischen Juden, die in Flüchtlingslagern nahe seiner Heimat leben, wegen ihres Straßenlebens jedes seiner Enkelkinder fressen könnten, d.h. im Kampf überlegen seien. Während die Kinder des Abendlandes durch Bildung verweichlicht werden. Ein interessanter Gedanke eines ehemaligen Universitätsprofessors in Lagern eingesperrten Straßenkindern eine rosigere Zukunft vorherzusagen als den Kindern der Bildungselite des Landes.

Weibliche Fahnenflucht: «Frauen lassen sich schwängern»

Nach dieser fragwürdigen Argumentation ging es ins Esoterische: die Unfähigkeit der Frau im militärischen Dienst. Zu schwach, zu langsam sei die Frau. Wird es gefährlich, lässt sie sich absichtlich (sic!) im Dienst schwängern, damit sie nach Hause darf. Sexuelle Belästigung? Wer weiß wieviel davon wohl stimmt? Und außerdem, der Mann hätte sowieso das Recht sich zu vergnügen, sind ja Soldaten und keine Weicheier.

Der emotionale Höhepunkt der Argumentation, warum Frauen nichts im Krieg verloren hätten, war die Ehre. Denn was könne es denn demütigenderes geben, als von einer Frau am Schlachtfeld getötet zu werden? Denn im Krieg, meinte Creveld, gehe es doch nur um Ehre und sonst nichts. Es grenzt an ein Wunder, dass niemand am pseudoheroischen-abendlandrettenden Vortragende aufgestanden ist und geschrien hat «Make Abendland great again!»

Ehrenrettung

Es war einigermaßen beruhigend, dass der Kommandant der Lvak, Generalleutnant Erich Csitkovits, sofort nach dem Ende der Ausführung die positive Haltung gegenüber Frauen im Bundesheer klar gestellt hat. Auch ein (vermutlicher) Heeres-Psychologe ließ die verschwörungstheoretische Aussage, Posttraumatic Stress Disorder (PTSD) gäbe es in dem Ausmaß nicht, nicht gelten und gab ebenfalls Konter. Freilich ließ Martin van Creveld dies nicht auf sich sitzen und wies die Richtigstellung des Kommandanten mit dem beliebten Totschlagargument: «Sie müssen das sagen, denn sie sind ja nicht pensioniert» zurück und die des Psychologen mit «Psychologen verdienen ja mit PTSD viel Geld, warum sollten sie es leugnen?». Wer sich jetzt an eine 0-8-15 Social Media Diskussion erinnert fühlt, hat Recht und das ist ein Problem in der höchsten militärischen Ausbildungsstätte des Bundesheeres.

Political Correctness

Es ist wichtig eine Meinungspluralität zuzulassen, in der man ohne Shitstorm aber unter kritischer Prüfung seine Ansichten darstellen kann. So ist es sicher legitim zu fragen ob und wie Frauen im Militär und für Kampfeinsätze eingesetzt werden sollen und können. Doch erwartet man sich, vor allem im tertiären Bildungsbereich wie der Lvak, sehr wohl einen fundierteren aber vor allem einen dialektischen Diskurs zur Wahrheitsfindung. Bloße Meinungen, wie Hannah Arendt in Wahrheit und Lüge in der Politik schreibt, sind nicht nur nicht wahr, sie sind sogar das Gegenteil jeglicher Vernunftwahrheiten. Es kommt darauf an sich auf einen Dialog einzulassen, dieser Dialog erfordert jedoch die Bereitschaft, jede Tatsache und jedes Urteil einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Die Dialog-Verweigerer mit ihren Totschlagargumenten, seien sie links, rechts, sexistisch, feministisch, liberal, nationalistisch, religiös oder atheistisch, haben nichts auf einer Universität oder Akademie verloren. Nicht aus Böswilligkeit oder Intoleranz, sondern aufgrund seiner Sinnlosigkeit und der Gefahr wieder in Pseudowissenschaften (vgl. Rassenlehre) bzw. -theorien (vgl. Domino-Theorie & Bürgerkriegswarnungen) abzugleiten.